Das neue Begutachtungsassessment (NBA) Teil 2

3 Mrz

Im heutigen Blog werde ich Ihnen aufzeigen, wie im neuen Begutachtungsassessment die Bereiche 2 (kognitive und kommunikative Fähigkeiten), 3 (Verhaltensweisen und psychische Problemlagen) und 5 (Umgang mit krankheits-/therapiebedingten Anforderungen und Belastungen) hinsichtlich der Selbständigkeit bewertet werden. Die im Folgenden beschrieben Angaben stammen aus den Richtlinien des GKV-Spitzenverbandes zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit nach dem XI. Buch des Sozialgesetzbuches aus August 2016.

Modul 2: Kognitive und kommunikative Fähigkeiten

In diesem Modul werden keine Aktivitäten, sondern geistige Funktionen beurteilt. Mit Hilfe einer vierstufigen Skala wird die Ausprägung der Beeinträchtigung der jeweils genannten Funktion gemessen:

Die Bewertungsskala umfasst folgende Ausprägungen:

0 = Fähigkeit vorhanden/unbeeinträchtigt:

Die Fähigkeit ist (nahezu) vollständig vorhanden.

1 = Fähigkeit größtenteils vorhanden:

Die Fähigkeit ist überwiegend (die meiste Zeit über, in den meisten Situationen), aber nicht durchgängig vorhanden. Die Person hat Schwierigkeiten, höhere oder komplexere Anforderungen zu bewältigen.

2 = Fähigkeit in geringem Maße vorhanden:

Die Fähigkeit ist stark beeinträchtigt, aber erkennbar vorhanden. Die Person hat häufig und/oder in vielen Situationen Schwierigkeiten. Sie kann nur geringe Anforderungen bewältigen. Es sind Ressourcen vorhanden.

3 = Fähigkeit nicht vorhanden

Die Fähigkeit ist nicht oder nur in sehr geringem Maße (sehr selten) vorhanden.

Das Modul berücksichtigt alle wesentlichen Dimensionen der kognitiven Fähigkeiten, wobei jeweils eingeschätzt wird, inwieweit die betreffende Fähigkeit vorhanden ist:

  1. Personen aus dem näheren Umfeld erkennen:
  2. Örtliche Orientierung: die Fähigkeit, sich in der räumlichen Umgebung zurechtzufinden, andere Orte gezielt aufzusuchen und zu wissen, wo man sich befindet.
  3. Zeitliche Orientierung: die Fähigkeit, zeitliche Strukturen zu erkennen. Dazu gehören Uhrzeit, Tagesabschnitte, Jahreszeiten und die zeitliche Abfolge des eigenen Lebens.
  4. Gedächtnis: die Fähigkeit, Ereignisse oder Beobachtungen zu erinnern. Von Belang sind dabei sowohl kurz zurückliegende Ereignisse oder Beobachtungen (gleicher Tag) als auch solche aus ferner Vergangenheit.
  5. Mehrschrittige Alltagshandlungen ausführen: die Fähigkeit, mehrschrittige Alltagshandlungen in der richtigen Reihenfolge auszuführen.
  6. Entscheidungen im Alltagsleben treffen: Auch in diesem Zusammenhang sollen nur alltägliche Entscheidungen einbezogen werden. Dazu gehört beispielsweise die dem Wetter angepasste Auswahl von Kleidung.
  7. Sachverhalte und Informationen verstehen: Damit ist die Fähigkeit angesprochen, Situationen, Ereignisse oder schriftliche/mündliche Information aufzunehmen und richtig zu deuten.
  8. Risiken und Gefahren erkennen: Hiermit sind Risiken und Gefahren in der häuslichen wie auch in der außerhäuslichen Umgebung angesprochen. Dazu gehören beispielsweise Strom- und Feuerquellen, Barrieren und Hindernisse auf dem Fußboden etc.
  9. Mitteilung elementarer Bedürfnisse: Hierzu gehört die Fähigkeit, Hunger, Durst, Schmerz, Frieren, Erschöpfung etc. äußern zu können, bei Sprachstörungen ggf. durch Laute, Mimik und/oder Gestik, bzw. unter Nutzung von Hilfsmitteln auf Bedürfnisse aufmerksam zu machen, Zustimmung oder Ablehnung auszudrücken.
  10. Aufforderungen verstehen: Hierzu gehört die Fähigkeit, Aufforderungen und Bitten zu alltäglichen Grundbedürfnissen wie z.B. essen, trinken, kleiden, beschäftigen erkennbar zu verstehen. Neben kognitiven Beeinträchtigungen sind hier auch Hörstörungen zu berücksichtigen.
  11. Beteiligung an einem Gespräch: Hierzu gehört die Fähigkeit, in einem Gespräch Gesprächsinhalte aufzunehmen und sinngerecht zu antworten.

Modul 3: Verhaltensweisen und psychische Problemlagen

In diesem Modul ist eine inhaltlich abweichende, aber ebenfalls vierstufige Skala zu verwenden. Erfasst wird die Häufigkeit, mit der ein Verhalten oder Problem derzeit auftritt, auch wenn das Verhalten durch äußere Einflüsse verursacht wird. Es werden folgende Merkmalsausprägungen erfasst:

0= nie

1= selten, d.h. maximal zweimal wöchentlich

2= häufig, d.h. zweimal oder mehrmals wöchentlich, aber nicht täglich

3= täglich

Folgende Merkmale werden in diesem Modul erfasst:

  1. Motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten: Dazu gehören v.a. das (scheinbar) ziellose Umhergehen sowie der Versuch desorientierter Personen, ohne Begleitung die Wohnung/Einrichtung zu verlassen, ebenso allgemeine Rastlosigkeit in Form von ständigem Aufstehen und Hinsetzen oder Hin- und Herrutschen auf dem Sitzplatz oder im Bett.
  2. Nächtliche Unruhe: nächtliches Umherirren oder nächtliche Unruhephasen bis hin zur Umkehr des Tag-/Nacht-Rhythmus
  3. Selbstschädigendes und autoaggressives Verhalten: Selbstverletzung durch Gegenstände, sich absichtlich auf den Boden fallen lassen, essen oder trinken ungenießbarer Substanzen, sich selbst schlagen und sich selbst mit den Fingernägeln oder Zähnen verletzen.
  4. Beschädigung von Gegenständen: aggressive, auf Gegenstände gerichtete Handlungen: Gegenstände wegstoßen oder wegschieben, gegen Gegenstände schlagen, das Zerstören von Dingen (z.B. Zerreißen) sowie das Treten nach Gegenständen.
  5. Physisch aggressives Verhalten gegenüber anderen Personen
  6. Verbale Aggression: verbale Beschimpfung oder Bedrohung anderer Personen.
  7. Andere vokale Auffälligkeiten: lautes Rufen, Schreien, Klagen .
  8. Abwehr pflegerischer oder anderer unterstützender Maßnahmen
  9. Wahnvorstellungen, Sinnestäuschungen: visuelle, akustische oder andere Halluzinationen
  10. Ängste: Äußerung von starken Ängsten oder Sorgen, Erleben von Angstattacken, erhöhte Ängstlichkeit bei der Durchführung von Pflegemaßnahmen
  11. Antriebslosigkeit, depressive Stimmungslage:
  12. Sozial inadäquate Verhaltensweisen: distanzloses Verhalten, auffälliges Einfordern von Aufmerksamkeit, sich zu unpassenden Gelegenheiten auskleiden, unangemessenes Greifen nach Personen, unangemessene körperliche oder verbale sexuelle Annäherungsversuche.
  13. Sonstige inadäquate Handlungen: Nesteln an der Kleidung, ständiges Wiederholen der gleichen Handlung (Manierismen), planlose Aktivitäten, Kotschmieren.

Modul 5: Umgang mit krankheits-/therapiebedingten Anforderungen und Belastungen

In diesem Modul geht es vorrangig um die Einschätzung, ob die zu beurteilende Person spezifische krankheitsbedingte Anforderungen selbstständig bewältigen kann. Dazu gehört insbesondere die Durchführung ärztlich verordneter Maßnahmen, die gezielt auf eine bestehende Erkrankung ausgerichtet sind.

Hier wird die Häufigkeit der Hilfe durch andere Personen beurteilt. (oftmals identisch mit der ärztlich angeordneten Häufigkeit).

Unabhängig von allen anderen Angaben ist anzugeben, ob die einzelnen Aktivitäten nur vorübergehend (z.B. aufgrund einer akuten, möglicherweise auch länger anhaltenden Erkrankung) oder dauerhaft, d.h. voraussichtlich für mindestens sechs Monate, erforderlich sind.

Die Beurteilung erfolgt bei folgenden Items:

  1. Medikation
  2. Injektionen
  3. Versorgung intravenöser Zugänge (Port)
  4. Absaugen oder Sauerstoffgabe
  5. Einreibungen, Kälte-/Wärmeanwendungen
  6. Messung und Deutung von Körperzuständen (z.B. BZ, RR etc.)
  7. Umgang mit körpernahen Hilfsmitteln (z.B. Prothesen, Kompressionsstrümpfe)
  8. Verbandwechsel/Wundversorgung
  9. Wundversorgung bei Stoma
  10. Regelmäßige Einmalkatheterisierung, Nutzung von Abführmethoden
  11. Therapiemaßnahmen in häuslicher Umgebung (z.B. Bewegungsübungen, Atemgymnastik, Sekretelimination etc.).
  12. Zeit- und technikintensive Maßnahmen in häuslicher Umgebung (wie Hämodialyse)
  13. Arztbesuche
  14. Besuch anderer medizinischer/therapeutischer Einrichtungen (bis zu drei Stunden)
  15. Zeitlich ausgedehnter Besuch medizinischer/therapeutischer Einrichtungen (länger als drei Stunden)

Anzumerken ist noch, dass bei der Bewertung der Module 2 und 3 nur das Modul in die Bemessung einbezogen wird, bei dem mehr Punkte erfasst wurden.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass es von besonderer Bedeutung ist, die beschriebenen Punkte auch in der Pflegedokumentation belegen zu können. So sollten Auffälligkeiten im Verhalten und psychische Problemlagen innerhalb der Assessments, der Pflegeplanung oder auch der Pflegeberichte nachgewiesen werden können.

Bei Fragen stehe ich ihnen gerne zur Verfügung.

Mit herzlichen Grüßen

Heike Willems

Literatur: Richtlinien des GKV-Spitzenverbandes zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit nach dem XI. Buch des Sozialgesetzbuches; August 2016

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